Geschichte der Medizin

Charlotte Bühler

Die Wegbereiterin der humanistischen Psychologie

Von Ernst Probst

Zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendpsychologinnen der Welt zählte die aus Deutschland stammende Charlotte Bühler (1893-1974), geborene Malachowski. Sie beschäftigte sich mit dem Lebenslauf und mit den Lebenszielen des Menschen und gilt als Wegbereiterin für die humanistische Psychologie. Nach ihr wurde der von ihr entwickelte Bühlersche Welt-Spiel-Test benannt, mit dem sie das Seelenleben von Kindern und Jugendlichen erforschte.

Charlotte Malachowski kam am 20. Dezember 1893 als ältestes von zwei Kindern des jüdischen Regierungsbaumeisters Hermann Malachowski und seiner Frau Rose, geborene Kristeller, in Berlin zur Welt. Ihre Mutter, die unter ihrer eigenen mangelhaften Ausbildung litt, meldete sie für das Gymnasium an. Nach dem Abitur studierte Charlotte ab 1913 in Freiburg im Breisgau, Berlin, Kiel und München.

Zu Beginn ihres Studiums träumte Charlotte Malachowski von einer Universitätsprofessur. Falls dies nicht möglich sein sollte, wollte sie Gymnasiallehrerin werden. In Kiel besuchte sie das nahe der Universität liegende Lehrerinnenseminar und verlobte sich mit einem Studienkollegen. Doch nach einem fast nur aus Studenten bestehenden Regimentseinsatz an der Ostfront kehrte der Verlobte psychisch schwer gestört zurück, und es kam zur Trennung.

Im Herbst 1915 reiste Charlotte Malachowski für Studien zu ihrer geplanten Dissertation über Denkprozesse nach München. Dort befasste sie sich vor allem mit den Arbeiten des aus Meckesheim in Baden stammenden Psychiaters und Neurologen Karl Bühler (18791963), auf die sie 1914 in der Berliner Universitätsbibliothek aufmerksam geworden war. Einer Freundin sagte sie, dieser Mann wolle genau dasselbe wie sie, und sie wüsste gerne, wo er sei.

Charlotte ahnte zu jener Zeit nicht, dass Karl Bühler der Assistent ihres Münchener Universitätslehrers Oswald Külpe (18621915) und außerordentlicher Professor am Psychologischen Institut war, weil Bühler damals als Stabsarzt an der Front diente. Nach dem plötzlichen Tod Stumpfs am 30. Dezember 1915 wurde Bühler zurückberufen, übernahm vorübergehend die Leitung des Instituts und interessierte sich sehr für Charlottes Arbeiten.

Bereits zwei Wochen nach seiner Rückkehr hielt der 37-jährige Professor Karl Bühler auf dem Weg durch den Englischen Garten in München um die Hand der 22 Jahre alten Studentin Charlotte Malachowski an. Er blieb an einem großen Baum stehen, stellte die Milchkannen, die er trug, auf die Erde, und erklärte, sie sei genau jene, auf die er gewartet habe: eine Frau, die mit ihm seine Interessen teilen könne und die ihn als Mensch anzöge. Am 4. April 1916 feierten Charlotte Malachowski und Karl Bühler ihre Hochzeit. Danach bezogen beide eine Wohnung in Schwabing und stellten dort ihre beiden Schreibtische im Wohnzimmer nebeneinander. 1917 kam die Tochter Ingeborg zur Welt.

1918 promovierte Charlotte Bühler mit summa cum laude zum Doktor der Philosophie und wandte sich der Kinder- und Jugendpsychologie zu. Im selben Jahr folgte Karl Bühler einem Ruf an die Technische Hochschule in Dresden, wohin auch seine Familie übersiedelte. 1919 schenkte Charlotte dem Sohn Rolf Dietrich das Leben.

Mit ihrer Arbeit Entdeckung und Erfindung in Literatur und Kunst habilitierte sich Charlotte Bühler 1920 als erste Privatdozentin Sachsens an der Technischen Hochschule in Dresden. Dank der finanziellen Unterstützung ihrer Eltern konnte sie eine Haushaltshilfe, Amme und später eine Gouvernante für ihre zwei Kinder beschäftigen.

Ab 31. August 1922 wirkte Karl Bühler als ordentlicher Professor der Philosophie an der Universität Wien. In der Folgezeit arbeiteten Karl und Charlotte am Psychologischen Institut, an der Lehrerakademie der Stadt Wien, wo ihnen ein Laboratorium für ihre Forschungen offen stand, und in der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien.

Nach ersten Kontakten zu Forschern in den USA wurde Charlotte Bühler 1924/1925 ein einjähriger Forschungsaufenthalt als Fellow der Sarah Lawrence Rockefeller Foundation an der Columbia-Universität in New York ermöglicht. Von 1930 bis 1938 wirkte sie als außerordentliche Professorin in Wien. 1935 folgte ein weiterer Forschungsaufenthalt in den USA.

In Wien betrieb Charlotte Bühler mit zahlreichen Schülern durch Auswertung von Tagebüchern Jugendlicher und durch Verhaltensforschung kinder- und jugendpsychologische Studien. Gemeinsam mit den Kinder- und Jugendpsychologinnen Hildegard Hetzer (18991991) und Lotte Schenk-Danzinger (19051992) entwickelte sie Kleinkindertests (1932), die bis heute angewendet werden.

Während eines beruflichen Aufenthalts im März 1938 in London hörte Charlotte Bühler die Nachricht vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Ihr Mann wurde nach einer Hausdurchsuchung durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) am 23. März 1938 in Schutzhaft genommen und im April aus politischen und weltanschaulichen Gründen beurlaubt.

Mit Hilfe eines zum Nazi gewordenen Norwegers, der früher in Österreich Generalkonsul gewesen war, erreichte Charlotte Bühler nach sechseinhalb Wochen die Freilassung ihres Mannes aus dem Gefängnis. Im Oktober 1938 trafen sich ihr Gatte, ihre Tochter und sie in Oslo wieder. Als eine gemeinsame Berufung an die Fordham University in New York für Herbst 1938 nicht zustande kam, ging Karl Bühler an eine andere Universität in den USA, während Charlotte vorerst in Norwegen blieb.

Noch 1938 übernahm Charlotte Bühler eine Professur an der Lehrerakademie Trondheim in Norwegen und zugleich an der Universität Oslo. 1940 bat Karl Bühler seine Frau per Telegramm dringend, sie solle möglichst bald zu ihm nachkommen. In den USA befürchtete man damals bereits den Einmarsch der Deutschen in Norwegen. Am 29. März 1940 verließ Charlotte Oslo, bald danach am 10. April wurde Norwegen von den Deutschen besetzt.

In den USA erhielt Charlotte Bühler eine Professur am St. Catherine College von St. Paul in Minnesota, wo zuvor ihr Mann eine Stelle bekommen hatte. Das Ehepaar fühlte sich in seiner neuen Heimat nicht wohl. Für Karl Bühler war die erzwungene Emigration und die geistige Trennung von seiner früheren Wirkungsstätte unüberwindbar gewesen. Charlotte konnte lange Zeit von Wien nur mit Tränen sprechen.

1942 übernahm Charlotte Bühler die Leitung der psychologischen Abteilung des Zentralkrankenhauses von Minneapolis in Minnesota. 1945 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Von 1945 bis 1953 arbeitete sie als Chefpsychologin des County General Hospitals in Los Angeles (Kalifornien) und von 1950 bis 1958 als Professorin für Psychiatrie an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles, an der auch ihr Mann lehrte Charlotte Bühler schrieb zahlreiche Bücher und veröffentlichte viele Arbeiten über ihr Fachgebiet in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelwerken. Das Verzeichnis ihrer Publikationen umfasst 168 Arbeiten, von denen mehrere in 21 Sprachen übersetzt wurden.

Zu Charlotte Bühlers bekanntesten Werken gehören unter anderem Das Märchen und die Phantasie des Kindes (1918), Das Seelenleben des Jugendalters (1922), Kindheit und Jugend (1928), Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem (1933), ein Standardwerk der praktischen und experimentellen Psychologie, From birth to maturity (1935), Praktische Kinderpsychologie (1937), Kind und Familie (1938), Entwicklungsteste (1952) sowie Kindheitsprobleme und der Lehrer (1952). Mit ihrem Band Psychologie im Leben unserer Zeit (1962) erreichte sie Bestseller-Auflagen.

Am 24. Oktober 1963 starb Karl Bühler im Alter von 84 Jahren in Los Angeles. Obwohl er immer ein wenig im Schatten seiner Frau stand, war auch er ein bedeutender Psychologe gewesen. Er hatte als einer der ersten die geistige Entwicklung des Kindes mit Hilfe von Testverfahren untersucht. Außerdem war er erstmalig zu einer genauen Unterscheidung des durch Dressur Angelernten und dem Lernen des Kindes durch selbstständiges Sinnerfassen gelangt und hatte so Instinktmäßiges und Intellekt in der Entwicklung scharf voneinander abgegrenzt.

Anfang Juli 1964 sprach Charlotte Bühler vor Professoren und Studenten der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, wo sie die Patenschaft für die psychologische Arbeitsgruppe Weg zum Kind übernahm, die ihren Namen erhielt.

In einem stark beachteten Vortrag über den Ablauf des menschlichen Lebens stellte Charlotte Bühler vier Grundtendenzen des Lebens heraus: Bedürfnisbefriedigung, selbstbeschränkende Anpassung, schöpferische Expansion und Aufrechterhaltung der inneren Ordnung. Letzteren Begriff prägte sie selbst.

Nach ihrer Emeritierung führte Charlotte Bühler bis 1971 eine private Praxis in Beverly Hills (Kalifornien), siedelte im selben Jahr nach Deutschland über und praktizierte bis zu ihrem Tod in Stuttgart, wo ihr Sohn Rolf Dietrich eine Professur an der Technischen Hochschule innehatte. Am 3. Februar 1974 starb sie im Alter von 80 Jahren in Stuttgart.

Die Biografie von Charlotte Bühler stammt aus dem Taschenbuch "Superfrauen 6 Medizin" von Ernst Probst und ist erhältlich bei www.verlagernstprobst.de


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