Geschichte der Medizin

Geschichte der Medizin

Krankheiten der Urmenschen

Mit Schmerzen auf die Pirsch

Bereits die Urmenschen litten unter vielen Krankheiten

Von Ernst Probst

Wie im Paradies lebten - zumindest theoretisch - die Jäger und Sammlerinnen in der Steinzeit: Luft, Wasser, Boden und Nahrung waren noch völlig frei von Umweltgiften; zudem sorgten viel Bewegung bei der Jagd auf wilde Tiere sowie beim Sammeln von Essbarem dafür, dass weder Mann, Frau noch Kind allzuviel Fett ansetzten. Trotzdem sind die Menschen in der Alt- und Mittelsteinzeit von etwa 2 Millionen bis 7000 Jahren vor heute keineswegs alle kerngesund gewesen.

Schon unter den Vor- und Frühmenschen in Afrika ging mancher Jäger mit Schmerzen auf die Pirsch. So litt vor etwa 1,5 Millionen Jahren ein Vormensch aus Kanam in Kenia an dem frühesten bekannten Tumor, der an seinem Unterkiefer Spuren hinterließ. Ein ungefährer Zeitgenosse von ihm aus Koobi Fora in Kenia war durch übermäßigen Verzehr von rohem Fleisch erkrankt, was man an seinen Langknochen feststellte. Überfluss hatte demnach schon in grauer Vorzeit schädliche Folgen für die Gesundheit.

Die früheste Hüftgelenksausrenkung ist von einem Vormenschen bekannt, der vor etwa 1 Million Jahren in Swartkrans in Südafrika starb. Am selben Fundort hat man auch die ältesten Bissverletzungen entdeckt. Die Löcher im Schädel eines Vormenschen von Swartkrans stammen von den Eckzähnen eines Leoparden. Das ist ein Hinweis dafür, dass so mancher frühe Vorfahre gefährlichen großen Raubkatzen zum Opfer fiel.

Der älteste Fall einer Muskelentzündung wurde bei einem vor etwa 700000 Jahren existierenden Frühmenschen aus der Gegend von Trinil auf Java (Indonesien) festgestellt. Er litt an einer akuten Muskelentzündung, die am Oberschenkelknochen unterhalb des Gelenkkopfes oberflächliche Wucherungen bewirkte.

Auch der Senior unter den Frühmenschen in Deutschland war krank. Der vor etwa 630000 Jahren in Mauer bei Heidelberg hausende so genannte Heidelberg-Mensch hatte die älteste nachweisbare Zahnbetterkrankung und schmerzhafte Arthritis der Kiefergelenke. Die Arthritis dürfte durch eine Infektion oder durch übermäßiges Abkauen der Mahl- oder Schneidezähne entstanden sein. Auf sie wurde als erster der Tübinger Anthropologe Alfred Czarnetzki durch die Abflachung der Gelenkfortsätze des Mauerer Unterkiefers aufmerksam.

Czarnetzki gebührt auch die Ehre, an den Skelettresten des berühmten Neandertalers aus dem Neandertal bei Düsseldorf-Mettmann den ältesten Armbruch nachgewiesen zu haben. Diesem Menschen war vor etwa 70000 Jahren bei einem Kampf oder Überfall der linke Unterarm gebrochen worden. Der Bruch ist zwar verheilt, aber so, dass der Arm verkürzt wurde und unnatürlich zum Körper gewinkelt war. Im Schädel desselben Neandertalers wurden zuvor auch Anlagerungen neuer Knochensubstanzen bemerkt, die auf Zuckerkrankheit oder Nierenerkrankungen beruhen könnten.

In der Zeit der Neandertaler vor mehr als 50000 Jahren ist vielleicht sogar schon die früheste Operation der Menschheitsgeschichte vorgenommen worden. Es hat den Anschein, als sei einem Neandertaler in der Höhle von Shanidar im Irak der kranke oder verletzte Arm amputiert worden. Dies wird allerdings von einigen Anthropologen bezweifelt.

Die nach dem rätselhaften Verschwinden der Neandertaler vor etwa 35000 Jahren in Europa auftauchenden ersten Jetztmenschen blieben ebenfalls nicht vor Krankheiten verschont. Das zeigt der Fund eines vor etwa 32000 Jahren in der Vogelherdhöhle bei Stetten in Baden-Württemberg gestorbenen, mindestens 40-jährigen Mannes. Er hatte eine Kiefergelenkanomalie, Bandscheibenschäden und Fehlbiss.

Spuren von Geschwülsten, die von Gehirntumoren oder Zysten herrühren könnten, beobachtete man am Schädel eines 20-jährigen Mannes aus der erwähnten Vogelherdhöhle und am Schädel einer 50-jährigen Frau aus Kelsterbach bei Frankfurt am Main. Beide lebten ebenfalls etwa vor 32000 Jahren. Unter dem frühesten schiefen Gesicht litt eine mindestens 50 Jahre alte Frau aus Binshof bei Speyer, die vor etwa 22000 Jahren existierte.

Einer der frühesten Wasserköpfe kam in der Höhe Hohlenstein-Stadel bei Asselfingen in Baden-Württemberg zum Vorschein. Dabei handelt es sich um den Schädel eines zwei- bis vierjährigen Kindes, der dort zusammen mit den Schädeln einer Frau und eines Mannes geborgen wurde. Die drei Menschen repräsentierten vielleicht eine Familie, die vor mehr als 7800 Jahren starb.

Spektakuläre Nachweise von Krankheiten sind auch aus der Bauern- oder Jungsteinzeit vor mehr als 7000 bis etwa 4000 Jahren geglückt. Aufsehen erregten beispielsweise die zahlreichen Fälle von Krebs im Gräberfeld vom Viesenhäuser Hof bei Stuttgart-Mühlhausen. Dort litt vorüber 7000 Jahren offenbar jeder Fünfte der hier Bestatteten an einem bösartigen Tumor.

Ernst Probst ist Autor der Bücher Deutschland in der Urzeit, Deutschland in der Steinzeit, Deutschland in der Bronzezeit, Rekorde der Urzeit.
www.verlagernstprobst.de


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Weitere Literatur zum Thema:

Wie wir wurden, was wir sind
GEOkompakt Die Evolution des Menschen umfasst 164 Seiten und ist am 14. September 2005 erschienen.

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