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Alzheimer - Wenn der Geist den Körper verlässt

Morbus Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und gehört zu den neurodegenerativen Erkrankungen des Alters. Charakteristisch für die Alzheimer-Erkrankung ist eine progressive Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit, die mit einer Veränderung der Persönlichkeit im Sinne von Verhaltensauffälligkeiten einher geht. Dabei sind die Begriffe "Morbus Alzheimer" und "Demenz" keinesfalls synonym zu gebrauchen.

Abgrenzung zu anderen Demenz-Erkrankungen

Innerhalb der Gesellschaft wird der Begriff "Demenz" häufig als Synonym für Morbus Alzheimer verwendet. Diese Gleichsetzung liegt in der Symptomatik von Alzheimer begründet, die eine Demenz als ein für alle sichtbares Zeichen der Erkrankung beinhaltet. Medizinisch gesehen ist die Gleichsetzung mit dem Begriff "Demenz" allerdings falsch. Einerseits gibt es eine Reihe von anderen Demenzerkrankungen wie Demenz mit Lewy-Körperchen, die frontotemporale Demenz, die durch degenerative Systemerkrankungen hervorgerufene Demenz, Demenz durch Entzündungs- und Infektionskrankheiten oder vaskuläre Demenz. Andererseits tritt die Alzheimer-Demenz auch erst im letzten Drittel der Erkrankung auf. An einer Diagnose von Morbus Alzheimer sollten immer auch Neurologen und Psychologen mitwirken, da es zunächst einzig darum geht andere Demenz-Erkrankungen auszuschließen. Eine Differentialdiagnose ist von entscheidender Wichtigkeit, da andere Demenzformen auch andere Behandlungsformen erforderlich machen, die in einigen wenigen Fällen auch die Demenzsymptomatik stoppen und therapieren können.

Sind alle anderen Erkrankungen ausgeschlossen, ist von einer Alzheimer-Erkrankung auszugehen. Eine Möglichkeit für eine direkte Diagnose gibt es derzeit nicht. Häufig angeführte Diagnoseverfahren wie Blutuntersuchungen, Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) dienen ausschließlich der Differentialdiagnose und geben keinen eindeutigen Hinweis auf Alzheimer. Mit letzter Sicherheit lässt sich die Diagnose nur durch eine Obduktion nach dem Tod feststellen. Durch das Fehlen geeigneter physischer Paramenter, wird eine mögliche Alzheimer-Demenz vor allem durch psychologische Testverfahren belegt. Häufig eingesetzt werden der Mini-Mental Status Test (MMST) und der Uhrentest. Beim MMST werden kognitive Fähigkeiten wie Rechnen, Zeichnen oder die Merkfähigkeit von Wörtern getestet. In einer fortlaufenden Serie von Wiederholungen zeichnet sich ein Verlaufstrend ab, der im Falle von Alzheimer eine abnehmende Tendenz aufweist. Der Uhrentest besteht in der Aufgabe, ein Zifferblatt mit einer vorher genannten Uhrzeit in einen Kreis einzuzeichnen. Dabei werden Parameter wie Dauer, Ausführung, Verhalten und Äußerungen des Patienten protokolliert. Auf der Basis pathologischer Kennzahlen erfolgt eine Diagnoseannäherung.

Grundsätzlich gilt für alle Formen der Demenz: je früher die Diagnose, desto besser die Therapieaussichten. Nicht für alle Formen liegt die Ursache im Untergang von Nervenzellen. Bei diesen sekundären Demenzen liegt z.B. eine Durchblutungsstörung nach einem Schlaganfall oder eine Stoffwechselerkrankung vor. In einigen Fällen kann die Ursache beseitigt werden und die Demenz geht zurück oder verschlechtert sich nicht weiter. Für den wahrscheinlicheren Fall einer Alzheimer-Demenz wirkt sich eine frühe Diagnose positiv für die Betroffenen aus, da die Medikamente in frühen Stadien deutlich besser wirken als in späteren.

Charakteristika von Morbus Alzheimer

Morbus Alzheimer hat einen typischen schleichenden Krankheitsverlauf, der in den ersten Krankheitsjahren keine sichtbaren Symptome hervorbringt. Im weiteren Verlauf der neurodegenerativen Erkrankungen kommt es zu einem fortschreitenden Untergang von Nervenzellen und deren Verbindungen untereinander. Typisch ist ein Auftreten nach dem 50. Lebensjahr. Zuerst ist das Kurzzeitgedächtnis betroffen, während das Langzeitgedächtnis (biographisches Gedächtnis) oft noch sehr lange intakt bleibt. Die Erkrankten erzählen dann häufig von Erlebnissen aus ihrer Jugendzeit, können sich aber nicht mehr erinnern, was sie gestern gemacht haben. Auch die Konzentrationsfähigkeit und das allgemeine Denkvermögen nehmen langsam ab, während sich Sprachstörungen und gesteigerte Müdigkeit einstellen. Werden die ersten Symptome von den Betroffenen wahrgenommen, folgt häufig eine Phase der Depression. Ist der Krankheitsverlauf weiter fortgeschritten kommen Verhaltensveränderungen hinzu. Die Erkrankten neigen zu Aggressionen, Angst, Unruhe und wirken verwirrt. Die Bewältigung des Alltags wird zunehmend schwieriger. Sie erkennen selbst Verwandte nicht mehr und können nicht mehr alleine Leben. Im Endstadium haben sie keine Kontrolle mehr über ihre Körperfunktionen, sind häufig bettlägerig und brauchen eine Vollzeit-Betreuung.

Neues aus der Ursachenforschung und zukünftige Therapiekonzepte

Für Morbus Alzheimer sind pathologische Eiweiß-Ablagerungen (Plaques) zwischen den Nervenzellen ein typischer Befund. Im Zentrum der Plaques befindet sich ein spezieller Amyloid-Kern (Amyloid beta-Peptide), an dem sich Stützzellen und krankhaft veränderte Nervenzellfortsätze angelagert haben. Die Plaques sorgen für Störungen der Sauerstoff- und Energieversorgung des Gehirns und wirken insgesamt toxisch.

Wissenschaftler der TU Darmstadt haben in einer kürzlich vorgestellten Studie (1) die Entstehungsmechanismen der Amyloid beta-Peptide herausgearbeitet und entsprechende Regulatoren zur Verringerung der krankheitsfördernden Substanz entwickelt. Zukünftig könnten diese Regulatoren eine weitere Ausbreitung der Plaques unterbinden. Am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) haben Forscher in verschiedenen Experimenten einen anderen Ansatz (2) für das Plaque-Problem gewählt. Statt einer ursächlichen Vermeidung einer Plaque-Bildung setzt man hier auf die Bildung von ungefährlichen Plaques. Die Substanz Epigallocatechin-3-gallate (EGCG), die in Grünem Tee vorkommt, kann den Entstehungsprozess der toxischen Plaques positiv beeinflussen. EGCG bindet sich an noch ungefaltete Proteine und verhindert eine Fehlfaltung. Zwar entstehen trotzdem Proteinhaufen im Gehirn, allerdings ohne toxische Wirkung. Aufgabe der Forscher ist es nun, diese Erkenntnisse für die Entwicklung von geeigneten Medikamenten zu nutzen, mit denen dann möglicherweise verschiedene neurodegenerative Erkrankungen behandelt werden können.

(1) Kukar TL. Et al.: Substrate-targeting-secretase modulators, Nature 2008, 453, 7197, doi:10.1038/nature 07055.
(2) Ehrnhoefer, D. E. et al.: EGCG redirects amyloidogenic polypeptides into unstructured, off-pathway oligomers. Nature Structural & Molecular Biology, Published online: 30 May 2008, doi:10.1038/nsmb.1437

06.07.2008 von FH


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