Geschichte der Medizin

Aletta Jacobs

Aletta Jacobs - Hollands erste Ärztin

Von Ernst Probst

Die erste Studentin und Ärztin in Holland und zugleich eine der bedeutendsten Frauenrechtlerinnen der Niederlande war Aletta Jacobs (1854-1929). Seit ihrer frühesten Jugend kämpfte sie für die Rechte und Freiheit der Frau. Ihr gebührt auch die Ehre, eine der Gründerinnen der Vereinigung für das Frauenwahlrecht und des Weltbundes für das Frauenwahlrecht gewesen zu sein.

Aletta Henriette Jacobs wurde am 9. Februar 1854 als achtes von elf Kindern eines Landarztes in Sappemeer bei Groningen (Niederlande) geboren. In ihrem Elternhaus entwickelte sie früh die Eigenschaft, jederzeit im Leben aufrechte Freundschaft und Liebe zu finden sowie rückhaltslos und selbstlos Freundschaft zu geben. Ihr gebildeter Vater förderte stark sie in ihrer Jugend.

Im Alter von 14 Jahren las Aletta Jacobs die Broschüre Die Hörigkeit der Frau des britischen Philosophen John Stuart Mill (18061873). Seitdem war ihr bewusst, dass nur eine bessere Gesetzgebung die wirtschaftliche und sittliche Befreiung der Frau ermöglichen und das politische Stimmrecht der einzig wirklich wirksame Weg dahin sein könne.

Ende der 1860-er Jahre besuchte die kleingewachsene und zartgebaute Aletta Jacobs als erstes Mädchen die Bürgerschule ihres Heimatdorfes, die bis dahin nur Jungen aufgenommen hatte. Später trat sie als erste Frau in ihrem Heimatland in die Universität ein. Wie ihr Vater und ihr älterer Bruder wollte sie den Arztberuf ergreifen.

Nach erfolgreicher Ablegung der erforderlichen Examen war Aletta Jacobs 1878 die erste Niederländerin mit abgeschlossenem Hochschulstudium und zugleich die erste Ärztin in Holland. Sie betrachtete ihre Patienten nicht nur als medizinische Fälle, sondern interessierte sich für sie auch als Menschen, was ihr tiefe Einblicke in unglückliche Familienverhältnisse gab. Ihr Engagement galt vor allem sozial Schwachen und Frauen.

Durch ihre natürliche und herzliche Art gewann Aletta Jacobs das Vertrauen leidender Mädchen und Frauen. Aufbauend auf ihre Erkenntnisse nahm sie den Kampf gegen die Prostitution und ihre Reglementierung sowie fast gleichzeitig gegen unfreiwillige Mutterschaft auf. Dank ihrer Energie und ihres Engagements in Wort und Schrift erreichte sie, dass die Aufklärung über Geburtenbeschränkung in den Niederlanden offiziell zugelassen wurde. 1882 gründete sie die erste Klinik für Geburtenkontrolle in Amsterdam. Im Alter von 38 Jahren heiratete Aletta Jacobs 1892 den niederländischen Politiker Carel Victor Gerritsen (18501905). Ihr einziges Kind starb kurz nach der Geburt. Die glückliche Ehe der beiden war von gegenseitiger Kameradschaft und Achtung geprägt. Zusammen unternahmen sie zahlreiche Reisen in fernste Länder.

1894 hob Aletta Jacobs die Vereinigung für das Frauenwahlrecht mit aus der Taufe, zu deren Präsidentin man sie 1903 wählte. 1904 zählte sie zu den Gründerinnen des Weltbundes für das Frauenwahlrecht. Außerdem tat sich sie mit sozialpolitischen Reformvorschlägen hervor. 1911/1912 unternahm sie zusammen mit der amerikanischen Lehrerin Carrie Chapman Catt (18591947) eine Reise um die Welt.

Auf Initiative der deutschen Frauenrechtlerin und Politikerin Anita Augspurg (18571943) und der Feministin Lida-Gustava Heymann (18681943) sowie auf Einladung von Aletta Jacobs trafen sich vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 beim Frauen-Friedens-Kongreß in den Haag (Niederlande) 1136 Frauen aus zwölf Ländern. Die Teilnehmerinnen erhielten Zehntausende von Gruß- und Ermutigungsadressen aus aller Welt.

Nach dem Haager Kongress unternahmen Frauen zahlreiche Agitationsreisen für den Frieden und führten dabei Gespräche mit den Regierungen in 14 Krieg führenden und neutralen Staaten. Zu den Ergebnissen des Kongresses zählten auch die Gründung des Internationalen Ausschusses für dauernden Frieden, der ab 1919 Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFF) hieß, und die Bildung nationaler Komitees in 24 Ländern in den Jahren 1915/1916. Im August 1915 erhielt Aletta Jacobs aus Großbritannien die Nachricht, die Zeit für eine Vermittlung der neutralen Staaten sei gekommen. Danach reiste sie schon am nächsten Tag in die USA, um auf Anraten der niederländischen Regierung die Ansicht des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson (18561924) zu erfahren und dementsprechende weitere Schritte einzuleiten. Nach 40-jähriger Erfahrung auf dem Gebiet der Geburtenbeschränkung stellte Aletta Jacobs in ihren Memoiren unter dem Titel Herinneringen (1924) an Hand der Zahlen des Statistischen Büros spürbare Wirkungen der Geburtenkontrolle in den Niederlanden fest: Die Geburtenziffer sank von 37,6 im Jahre 1880 auf 19,3 im Jahre 1919 auf je 1000 Einwohner. Zugleich sank die Sterblichkeit von 23,5 auf 9,9 auf je 1000 Einwohner.

Trotz all ihrer persönlichen und sachlichen Erfolge führte Aletta Jacobs ein bescheidenes Leben. Sie setzte sich nie auffällig in Szene und überließ anderen auf der Tribüne den Vortritt, da sie eine nie überwundene Scheu vor dem Reden hatte.

Aletta Jacobs starb am 10. August 1929 im Alter von 75 Jahren in Baarn (Niederlande). Sie hatte sich am Abend des 9. August schlafen gelegt und wurde am nächsten Morgen von Freunden tot im Bett gefunden. Die Monatsschrift Die Frau im Staat schrieb im September 1929 im Nachruf über Aletta Jacobs: Dein Tod hat die Welt um einen kraftvollen Menschen ärmer gemacht; möchten aus den Reihen der jungen Generation bald Frauen hervortreten, die nicht in gleicher, aber in ihrer und den heutigen Zeitverhältnissen entsprechender Weise den Kampf für die endliche innere und äußere Befreiung der Frauen und Völkerverständigung mit gleichem Verständnis, gleicher Begeisterung und Energie aufnehmen, das wäre die schönste Ehrung ihres Andenkens.

Die Biografie von Aletta Jacobs stammt aus dem Taschenbuch "Superfrauen 6 Medizin" von Ernst Probst und ist erhältlich bei www.verlagernstprobst.de


Bewerten Sie diesen Artikel


RateRateRateRate - Bewertet: 4.255 auf der Skala 0 bis 5. Dies entspricht einer prozentualen Bewertung von 85.1% bei 1033 abgegebenen Stimmen.


Empfehlen und folgen:


Med-Kolleg bei Twitter












Den Beitrag "" mit Facebook Kommentieren

   © 2003-2015 Med-Kolleg - med-kolleg.de Gesundheitsportal