Geschichte der Medizin

Elsa Brändström

Der Engel von Sibirien

Von Ernst Probst

Große Verdienste bei der Versorgung deutscher und österreichischer Kriegsgefangener in Russland und bei ihrer Rückführung in die Heimat erwarb sich von 1914 bis 1920 die schwedische Abgeordnete des Roten Kreuzes, Elsa Brändström (1888-1948). Während ihrer segensreichen Arbeit kam sie in Lagern, Gefängnissen, Bergwerken und Lazaretten mit etwa 700000 Gefangenen in Verbindung. Ihre dankbaren Schützlinge verliehen ihr den Ehrentitel Engel von Sibirien.

Elsa Brändström kam am 26. März 1888 als Tochter des schwedischen Generals Edvard Brändström, der als Militärattach√© nach Russland kommandiert wurde, in Sankt Petersburg zur Welt. Sie verbrachte die ersten drei Jahre ihres Lebens in St. Petersburg und die nächsten 17 Jahre in Schweden, wo sie in Stockholm ein Lehrerinnenseminar absolvierte. 1908 wurde ihr Vater als schwedischer Gesandter an den Zarenhof nach Sankt Petersburg berufen.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 sah Elsa Brändström bei der Besichtigung des Nikolai-Hospitals in Sankt Petersburg erstmals die Not und das Elend deutscher und österreichischer Kriegsgefangener. Daraufhin meldete sie sich zusammen mit ihrer Freundin Ethel von Heidenstam (1881-1979) zum russischen Krankenpflegedienst. Ab 1915 traten die beiden Frauen in die Dienste des Schwedischen Roten Kreuzes.

Fortan arbeitete Elsa Brändström mit fast übermenschlich wirkender Energie für die Erleichterung des Loses ihrer Schützlinge. Als Delegierte des Schwedischen Roten Kreuzes reiste sie durch ganz Russland und bis in die entferntesten Gegenden Sibiriens.

Beim ersten Besuch eines russischen Lagers in Sibirien bot sich Elsa Brändström ein Bild des Grauens. In für 500 Menschen gedachten Baracken vegetierten mehr als 800 deutsche und österreichische Soldaten dahin. Die Holzschuppen sind von früher her mit Flecktyphus infiziert gewesen, es gab keine Bademöglichkeiten. In der Krankenstation war der Boden mit Menschen übersät. Nur auf einigen Plätzen standen dort eiserne Bettstellen ohne Stroh, auf denen zwei Kranke lagen und oft noch zwei darunter. In der ganzen Station gab es keine einzige Decke oder ein Kissen. Jeder Gefangene erhielt nur einen Becher Wasser.

In anderen Lagern waren die Zustände nicht besser. Einmal erfuhr Elsa Brändström von einem Lagerbefehl, der das Heizen der Öfen verbot. Die Gefangenen sollten sich durch ihre eigene Wärme erwärmen, hieß es. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges kamen wegen der katastrophalen Zustände in den russischen Lagern mehr als 80 Prozent der deutschen und österreichischen Gefangenen durch Seuchen, Hunger und Kälte um.

Elsa Brändström linderte das Los der Kriegsgefangenen durch Lebensmittel, Decken, Medikamente, Geld und Zuspruch. Bei gleichgültigen und manchmal böswilligen Lagerverwaltungen setzte sie merkliche Verbesserungen durch. Mitunter redete sie mit pflichtvergessenen russischen Lagerkommandanten eine deutliche Sprache oder drängte erfolgreich auf ihre Ablösung. Der Lagerkommandant von Tobolsk in der sibirischen Tundra beispielsweise wurde abgesetzt, weil er deutsche und österreichische Gefangene ausgepeitscht hatte.

Den Kriegsgefangenen, die fern der Heimat und ohne Nachricht von ihren Verwandten unter harten Bedingungen in dumpfer Verzweiflung dahinlebten, erschien die hochgewachsene, blonde und blauäugige junge Schwedin, die mit tatkräftiger Hilfe zu ihnen kam, wie ein Engel. Als Elsa Brändström selbst an Flecktyphus erkrankte, beteten in den Lagern die Gefangenen für ihre Genesung.

Zur Zeit der bolschewistischen Revolution 1917 waren noch immer etwa 200000 Kriegsgefangene in Sibirien völlig von der Welt abgeschnitten. Trotz der Warnungen des russischen Revolutionärs und Politikers Leo Trotzki (1879-1940) brach Elsa Brändström mit schwedischen und deutschen Schwestern nach Sibirien auf und wurde dort 1918 während des Aufstandes der Tschechen als Spionin verhaftet und ins Gefängnis geworfen.

Im Herbst 1918 wurde Elsa Brändström in Omsk ihre Arbeitserlaubnis entzogen. Bereits im Winter 1918/1919 erhielt sie eine erneute Legitimation. Vom Sommer 1919 bis zum Frühjahr 1920 hielt sie sich in Wladiwostock und Krasnojarsk auf. 1920 internierte man sie in Omsk, anschließend kehrte sie nach Schweden zurück.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges leitete der norwegische Polarforscher und Diplomat Fritjof Nansen (1861-1930) die Heimführung der Kriegsgefangenen aus Sowjetrussland und organisierte als Hochkommissar des Völkerbundes (Nansenamt, 1912-1930) von 1921 bis 1923 Hilfsaktionen für das hungernde Sowjetrussland. 1922 erhielt er den Friedensnobelpreis.

1920 kehrte Elsa Brändström über Stettin nach Schweden zurück. In ihrem Buch Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien (1920) und in Vorträgen rief sie die schwedische Bevölkerung zu neuer Hilfe auf. Ein Teil der Spenden in Höhe von insgesamt zweieinhalb Millionen Kronen ging sofort nach Sibirien. Mit einem anderen Teil erwarb Elsa Brändström 1922 das Moorbad Marienborn-Schmeckwitz bei Kamentz in Sachsen und die Schreibermühle bei Lychen (Uckermark) nördlich von Berlin, das sie als Arbeitssanatorium für ehemalige Kriegsgefangene aus Sibirien einrichtete.

Auch den Kindern der in Kriegsgefangenschaft gestorbenen Väter galt Elsa Brändströms Sorge. 1923 sammelte sie während einer sechsmonatigen Vortragsreise in den USA rund 100.000 US-Dollar, mit denen sie in der Inflationszeit nach Deutschland zurückkehrte und ein Schloss bei Alt-Mittweida in Sachsen pachtete, das sie als Kinderheim für Kriegswaisen und Kinder ehemaliger Kriegsgefangener einrichtete. Dieses Heim bezeichnete sie als Neusorge.

Für ihre aufopfernde Arbeit verlieh die Universität Tübingen Elsa Brändström den Ehrendoktortitel. Der deutsche Diplomat Harry Graf Kessler (18681937) bezeichnete sie 1926 als Die nordische Jeanne dArc. Nach einer Russlandreise heiratete Elsa Brändström 1929 den Dresdener Pädagogen Dr. Robert Ulich (1890-1977). Ihr Mann war als Ministerialreferent im Sächsischen Ministerium für Volksbildung für die Hochschulen des Landes Sachsen zuständig und lehrte zugleich an der Technischen Hochschule Dresden in der Kulturwissenschaftlichen Abteilung als Honorarprofessor für Praktische Pädagogik.

1931 verkaufte Elsa Brändström-Ulich die Schreibermühle Lychen und gab das Heim Neusorge an den Leipziger Fürsorgeverein ab. Damals wurde die Elsa-Brändström-Werbegemeinschaft der Frauen, ein Fonds für Studiengelder ehemaliger Neusorger, gegründet. 1932 brachte Elsa ihre Tochter Brita zur Welt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 trat Robert Ulich, der seit 1919 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) angehörte, aus dem Staatsdienst aus und legte auch seine Honorarprofessur nieder. In jenem Jahr erlebte Elsa Brändström-Ulich, dass die Biographie ihrer Freundin Elsa Björkman-Goldschmidt über den Engel von Sibirien nicht gedruckt wurde, weil sie mit einem Sozialisten verheiratet war und dies nicht ins Verlagsprogramm passte.

Als das Ehepaar 1933 beschloss, mit seiner Tochter in die USA zu emigrieren, versuchte der Diktator Adolf Hitler (1889-1945), die berühmte Wohltäterin von diesem Schritt abzuhalten, und lud sie zu einer Unterredung auf den Obersalzberg ein. Die von Elsa Brändström-Ulich per Telegramm übermittelte Antwort lautete kurz und klar Nein. Im Januar 1934 folgte Professor Ulich einem Ruf der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) und verließ zusammen mit Frau und Tochter Deutschland.

In Amerika unterstützte Elsa Brändström-Ulich deutsche Emigranten. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches setzte sie alle Hebel in Bewegung, um notleidenden Deutschen zu helfen. Die evangelische Kirche trat damals mit der Bitte an sie heran, ob sie in Deutschland die Arbeit in der Kinderfürsorge nach dem Vorbild des Heims Neusorge wieder aufnehmen wolle. Doch die Besatzungsmächte verweigerten ihr den Pass. Der Wunsch Elsa Brändström-Ulichs, Deutschland wiederzusehen, ging nicht mehr in Erfüllung. Sie wurde schwer krank und starb am 4. März 1948 im Alter von 59 Jahren in Cambridge (Massachusetts). Man setzte ihre Urne auf der elterlichen Grabstätte in Stockholm bei.

Die Biografie von Elsa Brändström stammt aus dem Taschenbuch "Superfrauen 6 Medizin" von Ernst Probst und ist erhältlich bei www.verlagernstprobst.de


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