News vom 23.07.2014 - 08:33 Uhr

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Allergiker in Not - Allergologie vor dem Aus?

Mainz (ots) -

Anmoderation:

Der Sommer ist im vollen Gange und in diesem Jahr so früh und so warm wie schon lange nicht mehr. Die hohen Temperaturen sind der einen Freud, jedoch der Allergiker Leid, blüht und fliegt doch derzeit allerlei an Pollen durch die Luft. Dabei ist das ständige Niesen und Schniefen für die meisten vor allem eines: Nervig! Da ist guter Rat - im wahrsten Sinne des Wortes - teuer, denn Antiallergika werden immer seltener von den Krankenkassen übernommen und so sind immer mehr Patienten auf sich alleine gestellt. Dies vor allem aber auch, weil immer weniger Ärzte Allergiesprechstunden anbieten. Dabei kann man leicht vergessen dass Allergien nicht nur nervig sind, sondern auch zu schwerwiegenden Erkrankungen oder gar zum Tod führen können. Eine frühzeitige Therapie kann dies verhindern, weshalb der deutsche Allergiker- und Asthmabund nun die Unterschriftenaktion "Vergiss mein nicht" ins Leben gerufen hat. Wir sprechen mit dem Mediziner Dr. Günther Gerhardt:

Her Dr. Gerhardt, sind Allergien tatsächlich ein so unterschätztes Krankheitsbild?

Dr. Gerhardt: Leider ja. Viele Patienten neigen dazu ihre Symptome zu bagatellisieren oder zu vergessen, wenn sie - wie beim Heuschnupfen - ja nur zu gewissen Jahreszeiten auftreten. Doch wir sprechen hier nicht nur von Pollenallergikern, sondern auch von Lebensmittelallergien, Unverträglichkeiten von Duftstoffen oder anderen Erkrankungen wie z. B. Neurodermitis. Dabei konnte beobachtet werden, dass die Zahl der Betroffenen in den letzten Jahren stetig zugenommen hat: Mehr als 30 Millionen Erwachsene und Kinder leiden derzeit in Deutschland unter Allergien. Gerade bei Kindern haben sich in den letzten Jahren aber auch die lebensbedrohlichen allergischen Reaktionen um das 7-fache erhöht. Dem gegenüber sind aktuell jedoch nur etwa 10% der Allergiker adäquat behandelt: ein alarmierender Trend.

Aber woher dann die mangelnde Bereitschaft sich behandeln zu lassen?

Dr. Gerhardt: Der zunehmenden Zahl an Allergikern steht die rückläufige Zahl an Ärzten mit der Zusatzausbildung "Allergologie" gegenüber. Nur noch 1,5% der in Deutschland tätigen Mediziner hat die entsprechende Zusatzausbildung absolviert. Das war allerdings nicht immer so: In den vergangenen Jahren ist die Zahl um gut 1/3 zurückgegangen. Der Grund ist auf der einen Seite sicher die zurückgehende Nachfrage, da viele Medikamente nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden. Zum anderen haben die Allergologen aber auch mit harten Budgetkürzungen zu kämpfen. Im Vergleich zu anderen chronischen Volkskrankheiten wie etwa Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen wird derzeit in die Allergieforschung weniger als ein Hundertstel der dort verfügbaren Summen investiert. Die Allergien und deren Relevanz sind also anscheinend weder den Patienten noch der Gesundheitspolitik wirklich bewusst.

Darum nun die Forderung nach einem "Aktionsprogramm Allergien"?

Ja. Unter dem Titel "Vergiss mein nicht! - 30 Millionen Allergiker fordern ein Aktionsprogramm Allergien" sind verschiedene Forderungen an die Bundesregierung zusammengefasst. Das Ziel ist es, Allergien mehr in den Fokus der Gesundheitspolitik zu rücken. Dies betrifft sämtliche Bereiche: Forschungsförderung und bessere Ausbildungen, auch für Nicht-Mediziner, auf der einen Seite, aber auch Aufklärungskampagnen, bessere Kennzeichnungen von Konsumgütern und Budgetförderungen auf der anderen Seite. Genauere Infos und die Möglichkeit zu unterschreiben erhält man auf der Internetseite des deutschen Allergiker- und Asthmabundes.

Was genau kann denn passieren, wenn Allergien nicht frühzeitig erkannt und behandelt werden?

Das Gefährliche ist hier der sogenannte Etagenwechsel: In 40% der Fälle führt ein banaler Heuschnupfen zu allergischem Asthma. Eine frühzeitig eingeleitete Hyposensibilisierungstherapie kann Risikopatienten davor bewahren. Voraussetzung hierfür ist aber, dass sie bei einem dafür ausgebildeten Kollegen vorstellig werden, der eine entsprechende Therapie einleiten kann. Lange Wartezeiten und Wegstrecken schrecken dabei viele Patienten aber ab. Zum anderen können falsch- oder nicht ausreichend gekennzeichnete Lebensmittel bei Allergikern zu einem anaphylaktischen Schock und schlimmstenfalls zum Tod führen. Das Wissen darum schürt jedoch auch die Angst bei den Mitmenschen: Teilweise werden daher beispielsweise Kinder mit bekannter Allergie von Kindergärten und Schulen abgelehnt und an integrative Einrichtungen verwiesen, aus Angst vor Zwischenfällen. Sie sehen: Eine grundlegende Aufklärung der Bevölkerung ist hier in vielerlei Hinsicht dringend notwendig.

Und wie kommt das Projekt an?

Das Feedback ist bisher sehr positiv: Bereits in den ersten Wochen sind über 10.000 Unterschriften geleistet worden. Im Sommer 2014 sollen die Unterschriften dann an die Bundesregierung übergeben werden. Wir hoffen, dass dies eine Debatte zum Thema Allergien anstößt und diese somit vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden.

Vielen Dank Herr Dr. Gerhardt.

ACHTUNG REDAKTIONEN: Das Tonmaterial ist honorarfrei zur Verwendung. Sendemitschnitt bitte an @newsaktuell.de.

Pressekontakt: Wissen Gesundheit GmbH Dr. Günter Gerhardt An der Fahrt 13 55124 Mainz Tel.: +49 (0) 6131 / 622 505-0 Fax: +49 49 (0) 6131 / 622 505-5 Email: info@wissen-gesundheit.de

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Stichwöter zu diesem Artikel: Medizin,Gesundheit,Verbraucher,Arzneimittel,Ratgeber.

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