Geschichte der Medizin

Veronica Carstens

Die Förderin der Naturheilkunde

Von Ernst Probst

Als Mitbegründerin der Karl und Veronica-Carstens-Stiftung (1981) und der Fördergemeinschaft für Erfahrungsheilkunde NATUR und MEDIZIN (1983) tat sich die Internistin und First Lady der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Veronica Carstens, geborene Prior, hervor. Die von der Präsidentengattin und ihrem Mann aus der Taufe gehobenen Organisationen unterstützen wissenschaftliche Arbeiten zur Erforschung von Präparaten und Methoden der Naturheilkunde und Homöopathie.

Veronica Prior wurde am 18. Juni 1923 als jüngstes von vier Kindern des Diplom-Ingenieurs Willi Prior in Bielefeld (Westfalen) geboren. Nach dem in ihrer Heimatstadt absolvierten Abitur leistete sie im Kriegsjahr 1941 den obligatorischen Arbeitsdienst in einem Lager in Westrup (Westfalen) ab. Sie wurde in der Landwirtschaft zur Kartoffelernte und zum Fahren mit einem Ochsengespann eingesetzt. Auf den Arbeitsdienst folgte ab 1942 ein Medizinstudium in Freiburg/Breisgau, obwohl Veronica Carstens ursprünglich Musik studieren wollte. 1943 verliebte sich die Medizinstudentin bei der Hochzeit ihrer Schwester Annette auf den ersten Blick in den aus Bremen stammenden Flakleutnant Karl Carstens (19141992). Im Anschluss an das Physikum arbeitete sie von 1944 bis 1945 als Rote-Kreuz-Schwester in einem Lazarett in Schobüll hinter dem Deich.

Im Dezember 1944 heiratete Veronica Prior in Berlin-Tegel den Leutnant Karl Carstens. Auf der Hochzeitsreise ins Riesengebirge hörte das Paar bereits den Kanonendonner der heranrückenden russischen Armee. Veronica Carstens erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges in Heide (Dithmarschen), wo sie damals in der Krankenstation der Kaserne arbeitete. Sie versuchte, sich nach Bremen durchzuschlagen, ihr Mann strampelte mit dem Fahrrad nach Heide. In Hamburg haben sich beide wieder getroffen. Es war einer der schönsten Augenblicke ihres Lebens. Der Krieg beendet, der Mann trotz aller Gefahren gesund und nun lag die Zukunft im hellen Licht vor ihnen.

In der Nachkriegszeit begnügte sich Veronica Carstens mit ihrer Rolle als Hausfrau, während sich ihr als Rechtsanwalt in Bremen und später als Bevollmächtigter der Hansestadt Bremen beim Bund tätiger Mann zunehmend in der Politik engagierte. Sie spielte Geige und besuchte Vorlesungen über Kunstgeschichte, um den Tag auszufüllen, kam sich aber ohne eine sinnvolle Tätigkeit zunehmend nutzlos vor.

Als sich herausstellte, dass die Ehe kinderlos bleiben würde, Karl Carstens seine Tätigkeit als Anwalt in Bremen aufgegeben hatte und nach Bonn in die Politik gegangen war, setzte Veronica Carstens 1956 auf den Rat ihres Gatten in Bonn ihr Medizinstudium fort, das sie 1960 mit Staatsexamen und Promotion abschloss. Es folgte ihre internistische Fachausbildung am St. Josefs-Krankenhaus in Bonn-Beuel.

Zu Beginn der 1960-er Jahre gehörte Veronica Carstens zu den Gründerinnen des Frauen- und Familiendienstes des Auswärtigen Amtes, in dem ihr Mann damals als Staatssekretär wirkte. Diese Organisation steht den Frauen und Familien bei dem häufigen Ortswechsel der Amtsangehörigen mit Rat und Tat zur Seite.

Veronica Carstens arbeitete von 1960 bis 1968 als Assistenzärztin, ehe sie 1968 in ihrem Wohnort Meckenheim unweit von Bonn eine eigene internistische Fachpraxis eröffnete, die vor allem auf die Biologische Medizin und die Homöopathie ausgerichtet war. Dabei handelte es sich um keine Starpraxis für Prominente, sondern um eine Kassenpraxis für alle Patienten. Zur Zeit der Praxiseröffnung war ihr Mann Chef des Bundeskanzleramtes.

1972 wählte man Veronica Carstens in das Presbyterium (Kirchenvorstand) der evangelischen Kirchengemeinde in Meckenheim. Ab 1973 fungierte ihr Mann in Bonn als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU. Erst ab dieser Zeit las Frau Carstens den politischen Teil der Zeitungen. Denn Politik hatte sie nie interessiert. Sie erschien ihr als eine Sache, die von entschlusskräftigen und dazu befähigten Männern und Frauen gestaltet und verantwortet wird.

Am 1. Juli 1979 wurde der CDU-Politiker Karl Carstens als Nachfolger von Walter Scheel (FDP) deutscher Bundespräsident. Seine Frau behielt ihre Meckenheimer Praxis und gab dort noch vier- oder fünf Mal in der Woche einen halben Tag lang Sprechstunden. Wenn ein Kind hohes Fieber hatte, machte sie auch einen Hausbesuch. Viele ihrer Patienten hatten die Frau Doktor gebeten, sie nicht im Stich zu lassen.

Als First Lady trat Veronica Carstens bescheiden und diszipliniert auf. Die Repräsentationspflichten als Gattin des Bundespräsidenten fielen ihr anfangs nicht leicht. Der Schritt aus der gutbürgerlichen Anonymität ins grelle Licht der Öffentlichkeit kostete sie einige Überwindung. Um mit ihrer neuen Funktion fertig zu werden und sich Mut zu machen, erinnerte sie sich oft an das indische Sprichwort: Das, vor dem du Furcht hast, musst du tun. Der Wohnsitz des Bundespräsidenten, die Villa Hammerschmidt in Bonn, ist Veronica Carstens und ihrem Mann eher fremd geblieben. Lieber hielten sich beide in ihrem 1973 in Meckenheim errichteten Einfamilienhaus auf. In der Villa Hammerschmidt stand Veronica Carstens eine Sozialabteilung mit qualifizierten Mitarbeitern zur Verfügung. Dort gingen zahlreiche Briefe und Anrufe von Hilfe- und Ratsuchenden ein.

Als First Lady war Veronica Carstens die Schirmherrin der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft, der Deutschen UNICEF-Hilfe, des Deutschen Müttergenesungswerks und Vorsitzende der Deutschen Altershilfe.

1981 gründeten Frau Carstens und ihr Mann die Karl und Veronica-Carstens-Stiftung und 1983 die Fördergemeinschaft für Erfahrungsheilkunde NATUR und MEDIZIN, der jeder beitreten konnte und die bald mehr als 50000 Mitglieder zählte. Veronica Carstens beklagte, viele gute Hausmittel, die sich bei Eltern oder Großeltern der jetzigen Generation zur Vermeidung und Behandlung von Krankheiten bewährt hätten, gerieten im technischen Zeitalter immer mehr in Vergessenheit. In den Industrieländern wüsste man noch viel zu wenig oder überhaupt nichts mehr über eine große Zahl von Heilpflanzen, die in anderen Kulturen erfolgreich angewandt würden.

Die Eheleute Carstens verfügten, die Karl und Veronica-Carstens-Stiftung solle nach ihrem Tod ihr ganzes Privatvermögen erben. Durch die von ihr geförderten umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten trug die Stiftung erheblich zur Anerkennung der Naturheilkunde in Deutschland bei. Der Arbeitstag von Veronica Carstens fängt um 6.30 Uhr an. Ihr Lebensmotto lautet: Wer genug Arbeit hat, bleibt im Gleichmaß. Sie liebt die Literatur und die Musik, beherrscht selbst Geige und Bratsche, befasst sich aber auch mit Blumen und Garten. Mit ihrem Mann ist sie gerne gewandert. Am 30. Mai 1992 wurde Veronica Carstens Witwe.

Die Biografie von Veronica Carstens stammt aus dem Taschenbuch "Superfrauen 6 Medizin" von Ernst Probst und ist erhältlich bei www.verlagernstprobst.de


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